12.02.2018

Internetumfrage belegt hohe Dunkelziffer: Viele Fälschungen werden nicht gemeldet

Jeder sechste Apotheker und jeder achte Arzt in Deutschland hatte bereits bewusst mit gefälschten Medikamenten zu tun. Diese erschreckenden Zahlen ermittelte der Kriminologe Karlhans Liebl. Der ehemalige Professor an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg hatte eine Internetumfrage initiiert, in der die Teilnehmer anonym befragt wurden.

Zuletzt beschlagnahmte der Zoll bei der internationalen Aktionswoche im September 2017 in nur drei Paketzentren fast 1000 Postsendungen mit 68.000 gefälschten Präparaten. Doch die meisten der gefälschten Medikamente kommen beim Käufer an. Dieser Lücke zwischen offiziellen Statistiken und dem tatsächlichen Kriminalitätsgeschehen wollte Liebl auf den Grund gehen. Er beschäftigt sich seit langem mit Arzneimittelfälschungen und hat sie jetzt kriminologisch untersucht, wie er in einer Wissenschaftssendung des SWR berichtete. Liebl wollte diejenigen Fälle ans Licht bringen, die keiner Behörde gemeldet werden. Dafür stellte er Fragebögen ins Internet – mehr als 500 Apotheker haben sie ausgefüllt. Und jeder sechste gab zu, schon mal eine Fälschung in der Hand gehabt zu haben. Aber kaum einer informierte die Ämter darüber.

In vielen Fällen brachten Patienten Medikamente in die Apotheken, die sie vorher im Internet erstanden hatten. Aber auch über den offiziellen Arzneimittelhandel erreichten gefälschte Präparate die Apotheken, etwa über Re-Importe.

Jede siebte Fälschung, die Patienten in der Apotheke oder beim Arzt abgeben, stammt nicht aus dem Internet, sondern sie wurde oftmals im europäischen Ausland über den klassischen Handel erworben. Laut Berichten der WHO von 2011 sind bis zu einem Prozent der Medikamente auf dem europäischen Markt gefälscht. Besonders beliebt sind bei Fälschern Medikamente, für die sich Patienten schämen, beispielsweise Potenzmittel. Diese Produkte beziehen viele Konsumenten über das Internet, um Kontakte zu Arzt und Apotheker zu vermeiden.

Die EU möchte Arzneimittelfälschungen in Zukunft stärker bekämpfen. Von Februar 2019 an gilt deshalb die sogenannte Fälschungsschutzrichtlinie. Diese gibt vor, dass rezeptpflichtige Arzneimittel ein Sicherheitsmerkmal wie z.B. einen Barcode tragen müssen, das Apotheker vor der Abgabe an die Patienten überprüfen.

Ein weiterer Schritt gegen Arzneimittelfälschungen könnte eine Meldepflicht sein, für die das Bundesgesundheitsministerium einen Gesetzentwurf vorgelegt hat. Kriminologie-Professor Liebl hat in seinen Befragungen festgestellt, dass viele Ärzte und Apotheker Fälschungen entsorgen aber sie nicht melden, weil sie den damit verbundenen Aufwand scheuen.


Quelle: SWR